Industry Pulse 2025 – 73 Prozent sagen: Digitalisierung hat höchste Priorität. Doch nur 3 Prozent sind digital angekommen. Was läuft da falsch?
Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem zvoove Industry Pulse 2025 – und was sie für die Gebäudedienstleistung bedeuten.
Ich sage es ganz direkt: Unsere Branche steht an einem Wendepunkt. Nicht irgendwann, sondern genau jetzt. Das zeigen die Ergebnisse unseres zvoove Industry Pulse 2025 unmissverständlich. Mit 442 Teilnehmenden – 292 Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger in Gebäudedienstleistungsunternehmen plus 150 Reinigungskräfte – ist er die größte Studie innerhalb der Branche. Gemeinsam mit dem unabhängigen Marktforschungsinstitut Arlington Research haben wir zum zweiten Mal in Folge den „Puls“ der Branche gemessen.
Die Ergebnisse dieser Untersuchung sind dabei alarmierend und ermutigend zugleich.
Der große Widerspruch: Alle wollen digital sein – kaum jemand ist es
Fast drei Viertel (73 Prozent) der befragten Unternehmen betrachten Digitalisierung als höchste strategische Priorität. Das ist ein leichter Anstieg im Vergleich zu 2024. Soweit die gute Nachricht.
Die ernüchternde Realität zeigt jedoch: Gerade einmal 3 Prozent geben an, vollständig digitalisiert zu sein. Nicht einmal ein Viertel (22 Prozent) erreicht einen fortgeschrittenen Status.

Das ist nicht einfach nur eine Statistik, sondern ein wirklich ernstzunehmender Weckruf. Denn zwischen dem, was Unternehmen als wichtig erkennen, und dem, was sie tatsächlich umsetzen, klafft eine gewaltige Lücke. Und diese Lücke birgt von Tag zu Tag größere Erfolgsrisiken, denn die Herausforderungen für die Branche verschärfen sich weiter: 68 Prozent der Befragten sehen den Fach- und Hilfskräftemangel als größte Hürde (2024: 67 Prozent), 55 Prozent leiden unter steigendem Kostendruck. Hinzu kommen Tarifänderungen (30 Prozent) und wachsende Kundenanforderungen.
Die Frage ist also nicht mehr, ob Unternehmen digitalisieren sollten – sondern wie schnell sie es noch schaffen, den Rückstand gegenüber Marktbegleitern aufzuholen.
Apps: Die stille Revolution auf dem Reinigungswagen
Eine Entwicklung freut mich jedoch besonders, weil sie zeigt, dass es in der Praxis durchaus vorangeht: 80 Prozent der Unternehmen setzen inzwischen mobile Apps ein, ein Plus von 12 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Ein beeindruckender Sprung nach vorne.

Vor allem bei der Zeiterfassung (62 Prozent) haben sich Apps etabliert, aber auch beim Qualitätsmanagement boomen sie mit einem Plus von satten 19 Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahr. Apps übernehmen in den verschiedensten Bereichen des Arbeitsalltags zunehmend mehr Aufgaben – von der Dienst- und Einsatzplanung (43 Prozent) über Arbeitsscheine (29 Prozent) bis hin zu Urlaubsanträgen (25 Prozent).
Und hier wird es wirklich interessant: 41 Prozent der Reinigungskräfte nennen den Zugang zu einer App als wichtiges Kriterium bei der Arbeitgeberwahl.
Lassen Sie sich diese Erkenntnis mal auf der Zunge zergehen. Sie zeigt eindrücklich, dass Digitalisierung längst kein reines Effizienzthema mehr ist, sondern über ihre Attraktivität als Arbeitgeber entscheidet. In Zeiten anhaltenden Fachkräftemangels ein Faktor, den man auf keinen Fall ignorieren sollte.
Was die Beschäftigten konkret schätzen: 58 Prozent heben die einfache Krankmeldung per App hervor, 47 Prozent die unkomplizierten Urlaubsanträge, 46 Prozent die digitale Verwaltung von Arbeitsdokumenten.
Aber – und dieses Aber ist entscheidend: Noch immer notieren 43 Prozent der Reinigungskräfte ihre Arbeitsstunden handschriftlich auf Papier. In einer Branche, in der die Pflicht zur elektronischen Zeiterfassung unmittelbar bevorsteht, mutet das inzwischen fast steinzeitlich an. Insbesondere, da diese verpflichtende elektronische Zeiterfassung für 49 Prozent der Befragten den wichtigsten Branchentrend darstellt.
Künstliche Intelligenz: Die Skepsis schwindet – die Investitionen leider auch
Beim Thema KI erleben wir eine bemerkenswerte Trendwende. Lediglich noch 8 Prozent halten Investitionen in KI für völlig unsinnig. Im Vorjahr waren es noch 16 Prozent – das ist eine Halbierung der KI-Skeptiker.

Die Branche weiß inzwischen, dass KI weit mehr ist als ChatGPT. Nahezu zwei Drittel (62 Prozent) sehen in der KI-gestützten Prozessautomatisierung – etwa bei der Rechnungsstellung oder der Validierung von Stundenzetteln – die lohnendste Zukunftsinvestition. Im Vorjahr waren es noch 49 Prozent. Auch beim Entwurf von Stellenanzeigen (47 Prozent), der Disposition (44 Prozent) und der Erstellung von Revierplänen (40 Prozent) sieht die Branche enormes Potenzial. Das Problem liegt nicht im Erkennen. Es liegt im Machen.
Fast zwei Drittel (62 Prozent) der Unternehmen haben 2024 noch immer keinen Cent in KI investiert. Von denen, die Investitionen getätigt haben haben, beließen es viele bei eher symbolischen Beträgen. So gaben 45 Prozent der Befragten weniger als 500 Euro aus. Besonders kleinere Unternehmen sind zögerlich, 75 Prozent der Betriebe mit weniger als 500.000 Euro Umsatz tätigten keinerlei KI-Investitionen.
Das Investitionsparadox: Warum mehr ausgegeben wird als geplant
Eine Erkenntnis aus dem Industry Pulse, die mir Hoffnung macht: Unternehmen investieren am Ende oft mehr als sie ursprünglich eingeplant haben. Im Jahr 2024 war dieses Muster klar erkennbar: Lediglich 27 Prozent hatten deutlich höhere Digitalisierungsausgaben geplant, aber 41 Prozent gaben dann tatsächlich deutlich mehr aus als im Vorjahr. Offenbar erkennen viele Unternehmen im Laufe des Jahres, dass bestimmte Investitionen notwendiger sind als gedacht. Für 2025 planten 29 Prozent bereits deutlich höhere Ausgaben, 40 Prozent wollten auf gleichem Niveau investieren. Wenn sich das Muster aus dem Vorjahr wiederholt haben sollte – und vieles spricht dafür – wären die realen Digitalisierungsausgaben auch 2025 gestiegen. Allerdings: Jedes fünfte Unternehmen (21 Prozent) konnte die eigenen Investitionen in Digitalisierung für 2025 gar nicht einschätzen. Das zeigt mir, dass in vielen Häusern eine strategische Planung für den digitalen Wandel noch fehlt. Und genau hier liegt der Denkfehler: Digitalisierung ist keine technische Maßnahme, die man der IT-Abteilung übergibt. Sie ist Chefsache.
Weiterbildung: Der unterschätzte Bindungsfaktor
Ein Befund, der mich besonders beschäftigt: 89 Prozent der befragten Reinigungskräfte halten Schulungen für entscheidend, um erfolgreich arbeiten zu können. Gleichzeitig bieten jedoch nur 11 Prozent der Unternehmen ihren externen Mitarbeitenden Weiterbildungen an. Besonders bitter: Auch Minijobber (44 Prozent) und Mitarbeitende ohne formelle Ausbildung (41 Prozent) sehen in Schulungsangeboten einen wichtigen Baustein, erhalten solche aber deutlich seltener als ihre ausgebildeten Kolleginnen und Kollegen.

Die Realität der Angebote: Vor-Ort-Schulungen dominieren (60 Prozent), gefolgt von externen Fachseminaren (48 Prozent) und Zertifikatskursen (41 Prozent). Digitale Formate wie E-Learning (27 Prozent), Video-Tutorials (24 Prozent) oder virtuelle Live-Seminare (14 Prozent) spielen hingegen noch eine untergeordnete Rolle. Obwohl Letztere gerade für dezentrale Teams in unserer Branche ideal wären.
Keine neue Erkenntnis, aber heute wichtiger denn je: Wer Fachkräfte halten und gewinnen will, muss in deren Entwicklung investieren. Individuell, flexibel und auf Augenhöhe.
Mehrsprachigkeit: Ein Zeichen von Professionalität
Unsere Branche ist international. Sprachbarrieren behindern oft eine effiziente Kommunikation und schaffen unnötige Hürden im Arbeitsalltag. Mehr als ein Fünftel (21 Prozent) der Reinigungskräfte sehen im Überwinden von Sprachbarrieren bereits jetzt einen praktischen Anwendungsfall für Apps. Automatische Übersetzungen, mehrsprachige App-Oberflächen – die Möglichkeiten sind da. Wer seine Mitarbeitenden befähigt, in ihrer Muttersprache auf wichtige Informationen zuzugreifen, Krankmeldungen abzugeben oder Urlaubsanträge zu stellen, schafft nicht nur ein Plus an Effizienz, sondern echte Wertschätzung.
Mein Fazit: Die Lücke schließen – jetzt
Die Gebäudedienstleistungsbranche hat eine enorme volkswirtschaftliche und soziale Bedeutung. Mit knapp 700.000 Mitarbeitenden in Deutschland tragen wir deshalb eine große Verantwortung. Der aktuelle zvoove Industry Pulse 2025 zeigt uns unmissverständlich: Die Branche hat den hohen Bedarf an Digitalisierung erkannt. 76 Prozent sehen bei der Zeiterfassung den größten Hebel, 72 Prozent bei Verwaltung und Organisation. Die Technologien existieren. Die Anwendungsfälle sind bekannt. Die Mehrwerte sind messbar. Was fehlt, ist der letzte, entscheidende Schritt: vom Erkennen zum konsequenten Handeln. Einen schlechten Prozess zu digitalisieren, wird am Ende lediglich einen digitalen schlechten Prozess hervorbringen. Was wir brauchen, sind durchdachte, ganzheitliche Lösungen. Digitalisierung muss sich weg von der Technik-Show hin zu konkreten Vorteilen im Arbeitsalltag entwickeln. Nur wer in Ergebnissen denkt, wird damit langfristig erfolgreich sein. Die Branche hat alle Voraussetzungen, um diese Transformation zu meistern. Jetzt zählt der Mut zur Umsetzung.

